Junge Pferde und Core-Training: Ein durchdachter Einstieg

Young Horses and Core Training: A Thoughtful Starting Point

Wenige Themen im Pferdetraining werden so kontrovers diskutiert wie die Ausbildung junger Pferde. Wie früh ist zu früh? Wann ist ein Pferd „bereit“? Welche Arbeit unterstützt die Entwicklung, und was belastet einen noch wachsenden Körper möglicherweise zu stark?

In diesem Leitfaden möchten wir betrachten, was die wissenschaftliche Literatur tatsächlich sagt, was sie nicht sagt und wie man über Core-Training in den Jahren vor der vollständigen körperlichen Reife nachdenken kann, ohne eine Sicherheit vorzutäuschen, die wir nicht haben.

Skelettentwicklung beim Pferd – ein kurzer Überblick

Ein Pferd wächst nicht überall gleichzeitig aus. Verschiedene Knochen und Wachstumsfugen reifen zu unterschiedlichen Zeitpunkten, und die Reihenfolge ist für Trainingsentscheidungen relevant.

Ein Peer-Review-Artikel aus dem Jahr 2021 in der Fachzeitschrift Animals, der mehrere Primärstudien verschiedener Rassen zusammenfasste, beschreibt die Entwicklung wie folgt: Das Pferd schließt die Phase des schnellen Säuglingswachstums etwa bis zum Absetzen (4 bis 6 Monate) ab. Mit ungefähr 11 Monaten ist die Phase vergleichbar mit der menschlichen Kindheit weitgehend abgeschlossen. Mit etwa 2 Jahren werden viele Merkmale der körperlichen Reife erreicht, darunter ein weitgehend abgeschlossenes Höhenwachstum, der Schluss der meisten Wachstumsfugen in den Gliedmaßen sowie adulte Körperproportionen.¹

Das bedeutet jedoch nicht, dass das gesamte Skelett mit 2 Jahren vollständig entwickelt ist. Die Wirbelsäule, das Becken und weitere Strukturen reifen noch mehrere Jahre weiter. Die vollständige Skelettreife wird häufig zwischen dem 4. und 7. Lebensjahr angegeben, abhängig von Pferd, Rasse und Definition.¹

Der praktische Schluss daraus: Der Körper eines jungen Pferdes befindet sich in einem Zustand, in dem verschiedene Bereiche unterschiedlich schnell reifen. Das ist für Trainingsentscheidungen tatsächlich von Bedeutung.

Die Debatte „Wann sollte man beginnen?“ – was die Wissenschaft tatsächlich sagt

In der wissenschaftlichen Literatur finden sich zwei unterschiedliche Positionen, und ein ausgewogener Artikel sollte beide berücksichtigen.

Die traditionelle Sichtweise, die von vielen erfahrenen Trainern und einigen Tierärzten vertreten wird, besagt, dass Pferde erst dann einen Reiter tragen oder anspruchsvollere Arbeit leisten sollten, wenn das Skelett weitgehend ausgereift ist. Häufig werden dafür 4 bis 6 Jahre genannt.

Eine neuere Position, die durch einen Peer-Review-Artikel aus dem Jahr 2021 im Journal of Equine Veterinary Science gestützt wird, argumentiert dagegen, dass epidemiologische und physiologische Daten darauf hinweisen, dass ein Trainingsbeginn im Alter von 2 bis 3 Jahren durchaus Vorteile haben kann. Unreife Gewebe scheinen anpassungsfähiger zu sein, und Pferde, die früher mit einem angemessen aufgebauten Trainingsprogramm beginnen, können geringere Verletzungsraten aufweisen als Pferde, die später gestartet werden.²

Beide Sichtweisen stützen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse.

Eine ausgewogene Einordnung stammt von Professor Hilary Clayton, einer der meistzitierten Forscherinnen im Bereich der Pferdebiomechanik. Das Argument für späteres Anreiten lautet, dass ausgereifte Gewebe weniger verletzungsanfällig sind. Das Gegenargument lautet, dass unreife Gewebe möglicherweise besser auf Trainingsreize reagieren und sich leichter anpassen können. Als Faustregel gilt: Je früher ein Pferd mit strukturiertem Training beginnt, desto langsamer sollte die Trainingssteigerung erfolgen.

Anders ausgedrückt: Wie trainiert wird, ist mindestens genauso wichtig wie der Zeitpunkt des Trainingsbeginns. Die konkrete Trainingsgestaltung, das individuelle Pferd und die enge Zusammenarbeit mit einem Tierarzt entscheiden darüber, ob ein Training langfristig positive oder negative Folgen hat.

Warum Bewegung wichtiger ist als ein bestimmtes Alter

In einem Punkt herrscht weitgehend Einigkeit: Junge Pferde brauchen Bewegung.

Eine umfangreiche Forschungslage zeigt, dass Unterforderung und Bewegungsmangel die Entwicklung von Knochen, Sehnen und Gelenken beeinträchtigen können. Diese Strukturen entwickeln sich als Reaktion auf angemessene Belastung während des Wachstums.

Täglicher Weidegang auf abwechslungsreichem Gelände, freies Bewegen mit Artgenossen, Spaziergänge auf unebenem Boden, sanfte Steigungen und unterschiedliche Untergründe fördern Koordination, Gleichgewicht und die natürliche Aktivierung der Rumpfmuskulatur. Genau diese Faktoren bilden die Grundlage für spätere sportliche Leistungen.

Dieser Aspekt wird bei der Aufzucht junger Pferde häufig unterschätzt. Er erfordert weder Ausrüstung noch Trainingshilfen oder strukturierte Programme und leistet dennoch einen wichtigen Beitrag zur Gewebeentwicklung.

Wie Core-Training bei jungen Pferden aussehen kann

Professor Hilary Clayton beschreibt in ihrer Übersichtsarbeit von 2016 die Körpermitte (Core) als „einen entscheidenden Bestandteil für die Kontrolle der Körperhaltung und die Bereitstellung einer stabilen Basis für die Bewegungen der Gliedmaßen“.³

Dabei wird zwischen zwei Muskelgruppen unterschieden:

• Oberflächliche Bewegungsmuskeln, die größere Bewegungen erzeugen
• Tiefliegende Stabilisationsmuskeln, die Haltung und Stabilität der Wirbelsäule vor und während der Bewegung sichern

Für junge Pferde ist besonders wichtig, dass sich diese tiefen Stabilisationsmuskeln vor allem durch Bewegungsvielfalt und propriozeptive Reize entwickeln und nicht durch spezielle Übungen oder Hilfsmittel.

Ein junges Pferd, das Hänge auf und ab geht, unterschiedliche Untergründe erlebt, mit anderen Pferden spielt und schrittweise an einfache Bodenarbeit herangeführt wird, trainiert seine Rumpfmuskulatur bereits effektiv, lange bevor spezielle Core-Übungen notwendig werden.

Beispiele für altersgerechte Aktivitäten:

• Weidegang auf Flächen mit sanften Steigungen, unebenem Boden und unterschiedlichen Untergründen
• Spaziergänge an der Hand auf verschiedenen Böden und in unterschiedlichen Umgebungen
• Einfache Bodenarbeit, bei der das Pferd lernt, bewusst auf seine Hufe zu achten und Hindernisse zu übertreten oder zu umrunden
• Langsame Einführung niedriger Bodenstangen im Schritt
• Behutsam aufgebautes Reittraining mit kurzen Einheiten, unterschiedlichen Tempi und ausreichenden Erholungsphasen

Das ist keine neue Erkenntnis. Es entspricht weitgehend dem Vorgehen erfahrener Pferdeleute über Generationen hinweg, und die Wissenschaft bestätigt diesen Ansatz in vielen Bereichen.

Wo Trainingsbänder sinnvoll sein könnten – und wo nicht

An dieser Stelle möchten wir offen und transparent sein.

Nach unserem aktuellen Kenntnisstand gibt es keine veröffentlichten Studien zu elastischen Trainingsbandsystemen, die speziell junge Pferde untersucht haben.

Die Studie des Royal Veterinary College schloss Pferde im Alter von 4 bis 22 Jahren ein.⁴

Die Rehabilitationsstudie der University of Georgia untersuchte Pferde zwischen 10 und 18 Jahren.⁵

Die sEMG-Studie der University of Tennessee wurde ebenfalls an erwachsenen Pferden durchgeführt.

Daher können wir nicht behaupten, dass wissenschaftliche Studien die Sicherheit oder Wirksamkeit von Trainingsbändern bei Pferden unter 4 Jahren nachgewiesen hätten.

Was wir sagen können: Der zugrunde liegende Mechanismus basiert auf einem sanften propriozeptiven Reiz, der das Pferd zur freiwilligen Aktivierung seiner Rumpf- und Hinterhandmuskulatur anregt, ohne eine bestimmte Haltung zu erzwingen. Theoretisch könnte dieses Prinzip bei jedem Pferd mit einem funktionierenden Nervensystem wirken.

Ob daraus für ein konkretes junges Pferd ein sinnvoller Trainingsansatz entsteht, sollte gemeinsam mit Trainer und Tierarzt beurteilt werden.

Falls Sie und Ihr Tierarzt zu dem Schluss kommen, dass ein Band-System für ein junges Pferd geeignet ist, beispielsweise als kleiner Bestandteil eines bereits etablierten Bodenarbeitsprogramms mit geringer Intensität, sollten folgende Grundsätze gelten:

• Mit sehr geringer Spannung beginnen
• Sehr kurze Trainingseinheiten wählen
• Regelmäßige Ruhetage einplanen
• Das Pferd aufmerksam beobachten

Das Ziel sollte sensorisches Feedback sein, nicht Widerstandstraining.

Wofür Trainingsbänder bei jungen Pferden nicht gedacht sind

• Als Ersatz für Weidegang, freie Bewegung und Spiel
• Als primäres Mittel zum Aufbau der Rumpfmuskulatur
• Ohne Rücksprache mit einem Tierarzt
• Mit denselben Spannungswerten wie bei erwachsenen Pferden
• Als Ausgleich für fehlende Grundlagen in Haltung und Bodenarbeit

Junge Pferde benötigen eine breite und vielseitige Basis. Trainingshilfen jeglicher Art, einschließlich unserer eigenen Produkte, sollten höchstens eine ergänzende Rolle spielen.

Grundsätze, die unabhängig von der Debatte über den Trainingsbeginn gelten

• Die Trainingssteigerung ist wichtiger als das Startalter. Kurze Einheiten, langsamer Aufbau und ausreichend Erholung sind entscheidend.

• Unterforderung kann ebenfalls schädlich sein. Bewegungsmangel und dauerhafte Stallhaltung sind keine risikofreien Alternativen.

• Individuelle Beurteilungen sind wertvoller als allgemeine Regeln. Rasse, Exterieur, Temperament und bisherige Erfahrungen spielen eine Rolle.

• Die mentale Entwicklung ist ebenso wichtig wie die körperliche. Ein gestresstes, überfordertes oder unsicheres Pferd profitiert nicht von Training.

• Warnsignale sollten ernst genommen werden. Lahmheiten, Asymmetrien, Widerstand oder plötzliche Verhaltensänderungen liefern wichtige Informationen und sollten niemals ignoriert werden.

Das Gespräch mit Ihrem Tierarzt

Wenn Sie darüber nachdenken, bei einem Pferd unter 4 Jahren ein strukturiertes Core-Training einzuführen, mit oder ohne Trainingsbänder, sprechen Sie zunächst mit Ihrem Tierarzt.

Ein erfahrener Pferdetierarzt kann Ihr individuelles Pferd beurteilen, die geplante Belastung einschätzen und die gesamte Aufzuchtsituation berücksichtigen. Diese individuelle Einschätzung wird immer wertvoller sein als allgemeine Informationen aus einem Artikel, einschließlich dieses Leitfadens.

Mehr über CORE by D erfahren

CORE by D ist ein elastisches Trainingsbandsystem, das in Zusammenarbeit mit Tierärzten und Trainern entwickelt wurde. Es wurde konzipiert, um während der Bodenarbeit, beim Longieren und unter dem Sattel einen sanften propriozeptiven Reiz zu geben und so die Aktivierung der Rumpf- und Hinterhandmuskulatur zu unterstützen, ohne eine bestimmte Haltung zu erzwingen.

Bei jungen Pferden empfehlen wir, jede Trainingshilfe vorsichtig, zurückhaltend und immer in Abstimmung mit Ihrem tierärztlichen Betreuungsteam einzusetzen.

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Literatur

1. Logan AA, Nielsen BD. Training Young Horses: The Science Behind the Benefits. Animals. 2021;11(2):463. doi:10.3390/ani11020463
2. Logan AA, Nielsen BD. Training Young Horses: The Science Behind the Benefits. Journal of Equine Veterinary Science. 2021.
3. Clayton HM. Core Training and Rehabilitation in Horses. Veterinary Clinics of North America: Equine Practice. 2016;32(1):49–71. doi:10.1016/j.cveq.2015.12.009
4. Pfau T, Simons V, Rombach N, Stubbs N, Weller R. Effect of a 4-week elastic resistance band training regimen on back kinematics in horses trotting in-hand and on the lunge. Equine Veterinary Journal. 2017;49(6):829–835. doi:10.1111/evj.12690
5. Ellis KL, Goldberg MR, Aguirre GE, Moorman VJ. The effect of a 4-week elastic resistance training regimen in horses with non-performance limiting hindlimb lameness. Journal of Equine Rehabilitation. 2023;1:100003. doi:10.1016/j.eqre.2023.100003